Wüten – Toben – Trotzen

Das Beißen und Schlagen des eigenen Kindes, welches sich gegen die Erwachsenen oder die Geschwisterkinder richtet, löst in vielen Eltern selbst starke Aggression aus. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Wut gegenüber dem Kind kann bei den Eltern in einen Zustand der inneren Bedrängnis und Ohnmacht führen. Dabei ist die größte Sorge vieler Mütter und Väter, dass sie in ihrer Erregung die Selbstbeherrschung verlieren könnten und den aggressiven Impulsen durch Schlagen oder Anschreien des Kindes nachgeben.

In der Emotionellen Ersten Hilfe helfen wir den Eltern dabei, die sich zuspitzenden Konfliktsituationen mit ihren Säuglingen und Kleinkindern frühzeitig zu verstehen und durchbrechen. Der wesentliche Fokus des Ansatzes liegt darin, dass die Eltern durch die innere Verbindung mit den Wahrnehmungen ihres Körpers lernen, Zustände der Übererregung und überschäumender Wut frühzeitig zu erkennen. Dabei machen wir in der Praxis der EEH häufig die Erfahrung, dass durch die verbesserte Selbstanbindung, die Eltern viel gelassener auf die Trotz- und Wutreaktionen des Kleinkindes reagieren können. Durch den achtsamen Dialog mit den inneren Empfindungen und Gefühlen ihres Körpers gelingt es den Eltern besser, zwischen eigenen Ängsten und Unsicherheiten und den Reaktionen des Kindes zu unterscheiden. Indem es den Eltern besser gelingt, einen Zustand der Gelassenheit zu bewahren, ist es für sie einfacher, sich in die spezifische Gefühlswelt und Betroffenheit des Kindes einzufühlen.

Wenn Kleinkinder in der Öffentlichkeit in Zustände des Wütens und Tobens geraten, sind Eltern nicht selten den kritischen Blicken und Kommentaren anderer Menschen ausgesetzt. Dieses verschärft häufig den Druck sowie die Schuld- und Schamgefühle vieler Mütter und Väter. Im Folgenden ein typisches Beispiel, wie es viele Eltern in ihrem Alltag erleben:

Viele Eltern mit Kleinkindern kennen die Situation des Wartens an der Kasse im Supermarkt. Während des Anstehens an der Kasse wird es dem Kind langweilig und es beginnt den Raum zu erforschen und findet, die für Kleinkinder gut platzierten Schokoladen-Riegel. Die Mutter verbietet dem Kind diesen in den Einkaufskorb zu legen und legt den Riegel zurück. Daraufhin schmeißt sich das Kind auf den Boden und beginnt, zu toben, zu schreien und mit den Fäusten um sich zu schlagen. Das Geschehen zieht alle Augen der umstehenden Personen auf sich. Es werden so manche Kommentare laut, die nicht immer freundlich gesinnt sind. Der Mutter ist das Verhalten ihres Kindes äußerst peinlich, am liebsten würde sie vom Erdboden verschwinden. Die Blicke und Bemerkungen der Zuschauer verstärken das Gefühl der Peinlichkeit und den Fluchtimpuls der Mutter. Nur die Tatsache, dass sie noch zahlen muss, hindert sie daran, wütend und laut schimpfend mit ihrem Kind im Arm den Markt zu verlassen.

Diese Szene wirkt aussichtslos und droht weiter zu eskalieren. Es sei denn, die Mutter ist geschult, in einer derartigen Stresssituation einen inneren Stopp einzulegen, in dem sie bewusst Kontakt mit dem eigenen Körper aufnimmt. Sie tritt innerlich einen Schritt zurück und verlagert ihr Augenmerk weg von der unangenehmen Situation auf ihren eigenen Körper. Dabei könnte sie z. B. feststellen, dass ihr Atem ganz flach ist und der Hals sehr eng und zugeschnürt ist. Es kommt zur Anerkennung dessen, was gerade im Moment in ihrem Körper passiert: Es ist gerade sehr eng. Spontan geht der Atem tiefer und es kommt der Mutter dieser Satz: „So sind halt Kinder! Sollen doch alle mal mitbekommen, wie Kinder auch sind.“ Innerlich steigt in ihr ein Schmunzeln auf. Daraufhin bittet die Mutter, die Kundin, die vor ihr an der Kasse steht, ob sie vor darf. Die Mutter zahlt und verlässt mit innerer Ruhe mit dem schreienden Kind an der Hand das Geschäft.

In dieser Situation haben sich weder das Kind noch die umstehenden Personen geändert. Allein die Mutter hat eine andere Sichtweise auf ihr Kind und die Situation durch die veränderte  Selbstbeziehung gewonnen. Dabei hat die neue Information aus ihrem eigenen Körper die überraschende Wendung herbeigeführt. Das Kind behielt weiterhin sein Verhalten bei. Die Prognose für die Einkäufe in der Zukunft ist positiv, nicht dass es nie mehr zu einem solchen Vorfall kommt, aber der Schrecken dafür ist gebannt.